Parkoursorgen

Eines meiner Kinder hat ein „anderes“ Hobby, eine Trendsportart aus Frankreich – er parkur“t“ – oder laut Wikipedia: er bewegt sich kunstvoll fort.

Parkour ist laut Wikipedia die Kunst der effizienten Fortbewegung um möglichst schnell von A nach B zu kommen. Eigentlich ein sportlicher Hindernislauf, bei dem die Teilnehmer auf dem schnellsten Weg, ohne Umwege, zum Ziel gelangen sollen. Somit heißt es klettern, hangeln, springen, hoch springen, und vor allem richtig hoch runterspringen. Da kann dann schon einmal ein Salto vorwärts oder rückwärts, ein Backflip,…und eine Menge anderer akrobatischer Kunststücke dabei sein. Das richtige Parkour findet nicht im Garten oder Wald sondern eigentlich im alltäglichen Großstadtschungel statt. Man springt dann katzengleich über Dächer, huscht zwischen Neon-Reklame-Logos umher und springt von einem Hochhausdach auf das nächst Niedrigere. Unser neues Synonym für Superheld heißt Flo Ascher, Trainer der Parkour- und Freerunning Gruppe vom Atus Weiz. Der kann das alles und macht das schon alles! Und bei ihm sieht das zugegebenermaßen ja auch wirklich wunderbar leicht und fast ungefährlich aus. Mein Sohnemann begnügt sich derweil noch mit einem Trampolin, der Turnhalle, seinem geliebten Weizer Hauptplatz, niederen Hausmauern, dem Carportdach, der Sporgasse, dem Gleisdorfer Stadtpark... aber er traut sich fast wöchentlich mehr zu. Und was mach ich dann als Mutter? Einerseits bin ich froh, dass er sich gerne bewegt – noch dazu, weil er das meistens ja im Grünen, in der Natur macht. Läuft in die Küche, schnappt sich seine Klean Kanteen Edelstahl-Trinkflasche und ist weg. Die Trinkflasche ist wenigstens robust genug und hält das alles aus. Er verbringt Stunden am Trampolin um an einer Technik zu feilen. Es kommt schon auch vor, dass alle Polster von den Sitzmöglichkeiten im Garten von ihrem angestammten Platz verschwunden sind. Diese findet man dann nebst der rückwärtigen Hauswand, wo sie als Absturzsicherung dienen. Somit ja wieder in Ordnung, dass er, wenn auch für meine Verhältnisse viel zu wenig, an Sicherheit und Absturzmöglichkeiten denkt. Blöd nur, dass unsere Sitzpolster für die Gartenmöbel ursprünglich weiß waren. Betonung liegt auf waren. Heutzutage ist es kein Problem mehr, wenn ich ihm sage, dass wir den Nachmittag nicht im Weizer Stadtgelände sondern in der Pilzessin in Graz oder der Gleisdorfer Pilzessin verbringen und er mich begleiten muss. Macht er doch gerne, der Karmeliterplatz gibt genauso wie die Gleisdorfer Innenstadt ein perfektes Trainingsgelände her.

Andererseits, puh! Was da alles passieren kann. Ich denke da nicht nur an ein gebrochenes Bein, nein, wie verrückt spazieren Horrorszenarien nächtens durch mein Kleinhirn und halten mich vom Schönheitsschlaf ab. Abends nicht mehr an den neuen Sport denken wäre eine erste Idee gewesen, damit mein friedliches und erholendes Durchschlafen wiederkehren möge. Weit gefehlt. Jeden Abend beim Essen dieselbe Leier, dass sein Parkourverein nur 1 Training pro Woche anbietet und ob wir nicht gemeinsam einen zusätzlichen Verein suchen könnten? Er würde ja so gerne mehrmals die Woche richtig trainieren. Allein für die Suche könnte er sich vorstellen, mehrmals Küchenaufräumdienst extra zu schieben. Kann er sich nicht wie der Großteil der anderen Kinder für Tennis, Fußball oder Golf interessieren? Volleyball, Basketball, es gäbe so viele andere Freizeitbeschäftigungen, die man auch im Freien machen kann und wo man trotzdem seine Fitness trainiert. Nein, kann er nicht, interessiert ihn nicht, ist fad, ist nur für ältere Semester, ist für Brave, Langweiler, Stubenhocker, Streber.

Ja Herr Gott noch einmal, ich will doch auch ein braves Kind, ein liebes, nettes, herziges Bürschchen. Gestriegelt und geschniegelt vom Scheitel bis zur Sohle, souverän, zuverlässig, witzreich, wortgewandt, überlegt, charmant, fürsorglich, liebenswert, fair und und und was man sich als Elternteil halt so für seine Kinder wünscht. Soll ich ihn dazu ermutigen, aufzuhören, wenn er es zu lieben meint? Soll ich einen Brief ans Christkind schreiben und es mir zu Weihnachten wünschen? Wo sind die Zeiten als ihn noch die Produkte von Maileg interessiert haben und er damit fantasievoll gespielt hat? Die supersüßen, winzig kleinen Hasen, die er nächtens im Bett gekuschelt hat oder die Mäuse, Waldtiere und die Ginger Familie, die er in Streichholzschachteln im ganzen Haus drapiert hat? Als die Piratenrassel noch beim Kaffeekränzchen in der Maileg-Metallküche saß? Um die vielen Maileg Dinge in unserem Haus muss ich mir keine Wiederverwendungssorgen machen im Sinne von zerowaste, dafür gibt es genügend Anwärter. Somit ist mein Kopf frei und ich kann mir weiterhin Sorgen über unseren Mittleren und sein Parkour machen! 

 

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